Um etwas ästhetisches sehen zu können, muss ich keine Bilder an Wänden oder Kunstwerke in Museen betrachten. Keine weiten Anfahrten zu besonderen Ausstellungsstücken oder womöglich viel Geld für wenig Farbe auf altem Papier ausgeben. Für mich reicht ein kurzer Druck auf ein kleines, elektronisches Kästchen um mein Garagentor zu öffnen und somit eines der ästhetischsten Fortbewegungsmittel des 20. Jahrhunderts ans Tageslicht zu bringen.
Der italienische Kultroller hat neben seiner Fähigkeit Alt und Jung zu begeistern auch technische Raffinessen welche für damalige Zeit sehr innovativ waren. Der ehemalige Konstrukteur von Kriegsflugzeugen, Enrico Piaggio wollte kurz nach Kriegsende über die Produktion von Pfannen und Töpfen hinaus. Ein Alltagsgefährt schaffen, das einfach, sparsam und leicht fahrbar ist, welches mit vorhandenen Produktionsanlagen realisiert werden konnte.
Der Erfinder, ein Ingenieur Namens Corradino D'Ascanio, welcher eigentlich Hubschrauber entwickeln wollte und für Enrico Piaggio arbeitete, brachte 1946 die erste „Urvespa“ auf den Markt.
Ein Motor der als ganzes, einziges Teil in der Karosserie verbaut ist. Keine Teile an denen Mann oder auch Frau sich schmutzig machen konnten und dazu war der Reifenwechsel genau so einfach wie bei einem Auto. Nicht nur technisch konnte sich die Vespa bis in die heutige Zeit bewähren, auch das Design erlangte über die Jahre einen wahren Kultstatus.
Fast 70 Jahre nach der ersten Auslieferung steht eine Vespa aus den frühen Sechzigern auch in meiner Garage. Die Welt hat sich verändert, die Gesellschaft hat sich entwickelt und die technischen Sprünge der letzten Jahre sind nahezu unvorstellbar.
Wenn ich an einem warmen Sommerabend gemeinsam mit meinen Freunden auf der Vespa am Bodensee entlang fahre, meine ich behaupten zu können, genau das selbe zu fühlen wie ein Vespafahrer der 1960 für ein „Gelato“ noch den ein oder anderen Kilometer am Lago Maggiore entlang auf sich genommen hat.
Kann ein Fahrgefühl auch ästhetisch sein? Ich glaube schon. Allein um den Motor zu starten bedarf es etwas Kraft im rechten Bein. Kein Druck auf einen kleinen Knopf oder einen Schlüssel den man umdrehen muss. Ein lässiger Tritt drückt den Kickstarter nach unten und startet zugleich den Einzylinder Motor.
Viele glauben es nicht, aber auch Vespa fahren muss man lernen. Draufsitzen, anmachen, losfahren war damals nicht angesagt. Das Verhältnis des Gefühls im rechten Handgelenk zu dem der Finger der linken Hand um Gas möglichst geschmeidig hinzuzufügen und die Kupplung genau so geschmeidig „kommen zu lassen“ muss man entwickeln!
Hat man es einmal drauf, will man nicht mehr runter! Es gibt wohl Fahrzeuge die sicherer, zuverlässiger und schneller sind als die Vespa die zum Teil mein Leben bestimmt. Jedoch kenne ich keine andere Möglichkeit von A nach B zu kommen, die einen so entspannt und dem Fahrer sowie der Bevölkerung am Straßenrand soviel Freude bereitet. Die Finger jeglicher Altersgruppen, die bei einem Stopp an der roten Ampel, auf einen zeigen, gehören genau so dazu wie interessierte Fragen und Gespräche mit Menschen, die meine Großeltern sein könnten.
Die oben bereits erwähnten Sommerabende sind das, für das sich jeder ausgegebene Euro und jede Minute im Keller lohnen. Alle Mühen sind vergessen wenn man alleine oder gemeinsam mit Freunden auf seinem Roller durch das wunderschöne Hinterland gleitet. Bäume, Spaziergänger und auch Schlaglöcher fliegen gerade zu an einem vorbei und auch wenn die Durchschnittsgeschwindigkeit sich oft unter den 50 km/h befindet kommt man meistens an das gewünschte Ziel. Keine schweren Motorradklamotten, keine lästigen Protektoren oder gar einen komplett geschlossenen Helm. Jeans in Kombination mit Chucks, ein lässiges Shirt und der offene Helm gepaart mit einer Sonnenbrille runden das „Vespafeeling“ endgültig ab. Man fühlt sich um Jahre zurück versetzt, denkt wie die jungen Leute von damals nicht an das Unfallrisiko, denn gehetzt wird ja sowieso nicht. „Style does not hurry!“
Man spürt seine Umwelt, in Wäldern wird es oft in Sekunden um mehrere Grade kälter und im Frühling umfängt einen der Duft von Bärlauch. Kaum den Wald wieder verlassen fährt man oftmals gegen eine Wand, eine Wand aus warmer Luft in der sich kleine Fliegen zu großen Schwärmen sammeln. Hat man die Fliegen durch ausgiebiges Husten aus seinem Hals und Nase befreien können, ist letzteres Organ auch schon wieder für den Geruch von frischen Äpfeln oder sprießendem Hopfen bereit.
Das alles, teilweise mehrere Hundert Kilometer auf einem fast 50 Jahre alten Roller zu erleben, fühlt sich einfach gut an!
Es ist nicht nur das Fahrgefühl an sich, sondern auch die einzigartige Form die seit jeher Menschen auf der ganzen Welt fasziniert hat. Man sitzt relativ aufrecht, die Beine auf dem Trittblech abgestellt um bei Bedarf ohne Probleme mit dem rechten Fuß die Hinterradbremse betätigen zu können. Der große Scheinwerfer vorne auf dem Lenkkopf sorgt zumindest dafür, dass man von entgegenkommenden gesehen wird. Wie sehr die dunkle Straße bei Nacht wirklich für den Fahrer ausgeleuchtet wird, weiß jeder, der schon einmal die Dämmerung verpasst hat und somit in die Nacht gezwungen wurde.
Eine Vespa stimmt einfach in ihrem gesamten Erscheinungsbild. Jedoch schwärmen die meisten wohl von ihrer, nahe zu majestätischen, Heckansicht!
Die eine Seitenbacke versteckt den Teil des Motors, die andere ist für Gepäck vorgesehen.
Die meist tropfenförmigen Auswölbungen des italienischen Kultrollers sind wohl das markanteste Merkmal welches die Vespa als Vespa erkennen lässt. Als hätten es die Leute schon vor 60 Jahren gewusst wurde die Vespa in meist zeitlos, klassischen Farben lackiert.
Immer beliebter werden Roller, die sich noch im originalen Lackkleid befinden.
Eine Delle dort, ein Kratzer hier oder leichter Ansatz von Rost an einer anderen Stelle. Für uns, als Freunde zweitaktbefeuerter Schaltroller gibt es wohl nichts ästhetischeres als eine Vespa die durch ihren Lack auch ihre Geschichte vermittelt.
Das beigefügte Bild, welches auf einem stillgelegten Fabrikgelände entstand zeigt sehr deutlich wie wunderschön, ein 1962 geformtes Blech im 21. Jahrhundert aussehen kann. Betrachtet man allein die Konturen die sich im Wasser spiegeln, wird das Konzept der Vespa nochmals deutlich. Jedes Detail wird einseitig von der untergehenden Sonne beschienen und somit zum Leuchten gebracht.

Eine Momentaufnahme entstanden am Ende der Saison 2011. Die Sonne geht schon ewig auf und wieder unter. Der Regen fällt auch, ohne dass Menschen etwas tun müssen. Die Fabrikhallen haben ihren Zweck schon lange erfüllt und werden nun der Witterung überlassen oder vielleicht irgendwann abgerissen. Ein alter Roller in Mitten dieser Eindrücke. Für viele nur ein alter Roller doch für mich einer der ästhetischsten Dinge die ich kenne, durch seine Form, das was er auslösen kann und durch die Geschichte die er erzählt."