Das letzte was mir in den Sinn kam als ich mit Geli zusammen einen Motor kaufen wollte war, mit einer ganzen Vespa wieder nach Hause zu gehn.

Doch die feuerrote VBB hatte es mir sofort angetan.


Keine zwei Wochen später war meine ebenfalls rote Fuffi verschwunden und hatte zur Verwunderung der Nachbarn lediglich einen "dickeren Arsch" bekommen.

Da stand sie nun, rot, rostig und keiner wollte eigentlich genau wissen was sich unter dem Spraydosenlack befand. Aufgeplatztes Blech und Rost unter dem Kotflügel ließen meine Erwartungen auf eine Top Karroserie recht schnell schwinden. An manchen Stellen ließ sich der Lack nur durch langes anstarren vom schönen blauen, darunterliegenden O-Lack lösen. Wohl auch einer der armen Roller der einem ferraribegeisterten Italiener zum Opfer gefallen ist.

Nach genauer und nicht gerade zimperlicher Begutachtung mit dem Schraubenzieher stand fest: "die alte Dame nimmt erstmal
ein Glasperlenbad und dann sehen wir weiter!"

 

Es muss kurz nach Weihnachten 2008 gewesen sein als sich einige Freiwillige der Vespassione-Crew zum zerlegen in meiner, nur durch einen kleinen Heizlüfter und somit spärlich beheizten, Garage einfanden.
 

Bleche die aussahen, als wären sie am 20. April 1912 mit der Titanic höchstpersönlich im Nordatlantik untergegangen wurden sofort fachmännisch mit der Flex von der Karosserie getrennt.

 
 
Dannach ging es dann wie gesagt zum netten Sand- und Glasperlenstrahler meines Vertrauens.
Was ich zwei Tage später wieder ins Auto laden durfte war glücklicherweise mehr als nur ein Eimerchen voll Sand, blitzblankes Blech mit super Oberfläche. Manche Stellen ähnelten jedoch mehr einem Schweizer Käse als einem italienischen Kultfahrzeug.
 
Felix Schweißkünste wurden also gefordert! Der komplette Unterboden mit Traversen musste ersetzt werden. Ich weiss nicht wie er es gemacht hat, aber nach nicht allzulanger Zeitkonnte ich eine löcherfreie Vespa wieder in Muttis Auto laden.
 
 

Nachdem alle Schweißpunkte filigran mit dem von uns allen geliebten Trennschleifer entfernt wurden, begannen die Spachtelarbeiten. Ich weiss nicht wie oft ich diesen Winter im Keller stand und mir mit feinstem "Auto K - Füllspachtel-Dampf- und Staub die Lungen vollgepfiffen habe *hust*. Netterweise stand mir Micha oft mit 60er - 400er Schleifpapier zur Seite.

 
 
Die vielen kleinen Löcher in der Seitenbacke wurden nicht geschweißt sondern von innen mit Glasfasermatten und Harz ausgefüllt.


Was kann ich noch zum Thema spachteln sagen. Ich hatte zum ersten Mal mit so vielen Dallen, Dellen und Wellen zu tun.Selbst Uschi Glas wäre mit ihrer Faltencreme beim Anblick suizidgefährdet gewesen.
Lungen wie Helmut Schmidt, Klamotten staubiger wie Beuteltester bei Vorwerk und ein ähnlich starkes kitzeln in der Nase wie Kate Moss. So muss ich mich gefühlt und ausgesehen haben als die letzte nackte Reise meines Schätzchens endlich zum Lackierer ging.

Obwohl viel Zeit zwischen Vespakauf und Lackierung verging war ich mir bis zum Schluss mit der Farbwahl nicht sicher.Von klassischem rot über schönes grün-metallic bis hin zu terra-bronze-metallic aus der Volvo Farbpalette war so ziemlich alles dabei.
Schlussendlich wurde ein originaler Blauton aus dem Internet direkt zum Lackierer geliefert.

 

Als ich den dunkelblauen Lack zum ersten Mal im Tageslicht betrachtete wusste ich sofort, dass sich die vielen Stunden in Opas Keller gelohnt hatten. Jedes Teil, vom Kotflügel bis zur Schwinge wurden nahezu perfekt mit "azzuro metallico" bedeckt.

 

 

 

 
Die neuen Trittleisten wurden nicht genietet sondern geschraubt. Dank etwas Vaseline rutschten die Gummis ohne weiteren Komplikationen in die dafür vorgesehenen Leisten.
 
 

Danach folgte der Zusammen- und Einbau der Gabel. Danke Micha!

 

Trotz der Tatsache, dass der Motor beim Kauf lief, wurde auch er runderneuert. Kupplungskorb, Kupplungsscheiben, Simmerringe so wie Kurbelwellenlager flogen raus!
Da keine Vespa ohne selbige Komponenten gut zu fahren ist, war eine Bestellung beim Landsberger Onlineshop unverzichtbar.
Der 150 ccm Zylinder wurde durch einen Leistungsstärkeren 177 ccm Polini ersetzt. Der 20.20 Vergaser flog ebenfalls ins Regal und der originale Auspuff wurde beim Lackierer gegen einen PX Topf getauscht.

Das Luft-Spritgemisch wird dem Motor nun von einem 24.24 "Spaco" Vergaser geliefert.

Der Einbau des Motors verlief ebenfalls ohne Probleme. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nur staunen in welchem Tempo meine Vespa plötzlich auf eigenen Rädern stand.Ich weiss nicht ob es an der starken Rauchentwicklung im Keller lag oder doch am vielen Endorphin in meinem Blut, aber die ersten Lebenszeichen meiner Vespa nach 6 Monaten machten mich sehr glücklich ;)


 

Der erste Ausritt endete glücklicherweise nach 40 Kilometern vor dem Haus, unglücklicherweise ohne laufenden Motor und Kompression.
Möglicherweise weil der Kolben folgende, "geringe" Mängel aufwies.
Anbei ein Dank an Polini, welche kostenlos einen neuen Kolben zur Verfügung stellten.


Abschließend kann ich nur sagen, dass mir meine Vespa sehr an Herz gewachsen ist und sie trotz einiger unmoralischer Angebote von reichen Österreichern und Schweizern unverkäuflich ist und bleibt.
Höchstwahrscheinlich wird sie mal vererbt oder als Grabstein dienen!
Ein großer Dank an alle die mich mit ihrem technischen Wissen und Können unterstützt haben. Ohne eure Hilfe würde ich vermutlich jetzt noch irgendwo zwischen Blechen und Spachtelmasse sitzen.
Die Vollrestauration hat mich nicht nur zu einem coolen Sommergefährt gebracht sondern auch noch zu viel neuem Wissen und lässigen Leuten.

Michael Siglreithmaier, 09.01.2011